„Ich wollte schon als Kind Bücher schreiben“

„Ich wollte schon als Kind Bücher schreiben“
05.06.2013
Ursula Poznanski im Interview
Im Schuljahr 2011/12 hat die Klasse 7b eines Gymnasiums in Freising " Erebos " als Lektüre im Deutschunterricht gelesen und hat dies als Anlass genommen, Ursula Poznanski einige Fragen zu ihrem Büchern und ihrem Leben als Schriftstellerin zu stellen:

Welche Bücher haben Sie außer " Erebos" und " Saeculum " noch geschrieben?
Begonnen habe ich mit Kinderbüchern für die Altersgruppe zwischen sechs und acht Jahren. Sie waren viel dünner als die Bücher, die ich jetzt schreibe, was den Vorteil hatte, dass ich mit einem Buch in zwei bis drei Wochen fertig war. Das erste wirklich umfangreiche Buch, das ich veröffentlicht habe, war "Erebos".

Wenn Sie " Erebos" und " Saeculum" vergleichen, wie würden Sie diese beiden Romane beurteilen?
"Erebos" ist vielleicht eine Spur vielschichtiger; "Saeculum" hat dafür mehr Action - eine unmittelbare Bedrohung, die im Laufe der Erzählung immer schlimmer wird.

Sowohl " Erebos" als auch " Saeculum" sind Thriller. Welche Bedeutung haben die Liebesgeschichten, die darin vorkommen?
Die Liebesgeschichten passieren eher so nebenbei, auf ihnen liegt aber nicht das Schwergewicht der Erzählung. Ich kann mir auch kaum vorstellen, einmal eine reine Liebesgeschichte zu schreiben.

Am Beginn von " Erebos" steht die Widmung " Für Leon" .
Mein Sohn heißt Leon, und ihm habe ich es gewidmet.

" Erebos" spielt ja in London. Waren Sie selbst schon einmal dort?
Ja, ich war schon dort, und ich mag London auch sehr gerne. Ich kenne zwar nicht alle Winkel der Stadt, in denen "Erebos" spielt, aber dabei war Google Earth sehr nützlich. Man kann dann Straßen virtuell entlanglaufen, sieht, wo Einbahnstraßen sind, wo ein Pub oder ein Kiosk ist … Das ist toll. Das U-Bahn-Netz ist auch das echte von London.

Geben Sie Ihren Figuren absichtlich bestimmte Namen?
Ja. Es war zwar bei Victor nicht meine erste Idee, dass der Name auch "Sieger" heißt, obwohl das zur Geschichte von "Erebos" ganz gut passt. Bei der Hauptfigur habe ich mir lange überlegt, wie sie heißen soll. Dann war mir klar, dass sie Nick heißen muss - wegen "Nickname".

Gibt es in Ihren Büchern Dinge, die Sie selbst erlebt haben oder die aus Ihrem eigenen Leben gegriffen sind?
Bei "Saeculum" ist es eben die Nacht im Wald, die ich aus meiner Kindheit kenne, und bei "Erebos" teile ich Victors Liebe zum Tee und zu großen Teetassen, auch wenn ich nicht eine so große Sammlung habe wie er. Als Studentin habe ich auch gerne Computer gespielt, aber nie so exzessiv wie die Figuren in "Erebos".

Wird es einen zweiten Teil von " Erebos" geben?
Leider nein; da muss ich euch enttäuschen. Der Leser weiß am Ende des Buches alles, was dahintersteckt, und alle Geheimnisse sind gelüftet. Die Geschichte ist also zu Ende.

Denken Sie sich die Umschläge für Ihre Bücher selbst aus?
Nein, die Umschlaggestaltung übernimmt der Verlag. Er wählt gerne etwas Abstraktes aus; das passt auch bei "Erebos", und bei "Saeculum" gefällt es mir wegen der düsteren Aufmachung und des schwarzen Schnitts sogar noch ein kleines Stück besser. Ein fertiges Buch von sich in der Hand zu halten, ist jedes Mal ein ganz tolles Gefühl.

Könnten Sie sich vorstellen, dass eines Ihrer Bücher einmal verfilmt wird?
"Erebos" ist dafür im Gespräch, aber das ist in der Filmbranche immer eine eher unsichere Sache. Es gibt eine Produktionsfirma, die versucht, internationale Partner zu finden und das Geld dafür aufzutreiben. Das wäre aber mit etwa 70 Millionen Euro ein ziemlich teurer Film, aber es ist im Bereich des Möglichen.

Was würde den Film denn so teuer machen?
Vor allem die Spielsequenzen. Diese würden vermutlich in 3D gefilmt werden.

Würden Sie für eine Verfilmung auch das Drehbuch schreiben?
Nein, das ist eine ganz andere Art des Schreibens. Ich würde das lieber aus der Hand geben und dann am Ergebnis herummeckern. Es ist aber klug, das Verfassen des Drehbuchs jemandem zu überlassen, der in "Film" und nicht in "Buch" denkt.

Wenn Ihnen ganz plötzlich, etwa beim Essen oder beim Autofahren, eine Idee kommt, schreiben Sie sie dann sofort auf?
Es ist jedenfalls nicht so, dass ich dann gleich an den Straßenrand fahre; Ideen sind ja nicht so flüchtig, dass sie einfach sterben würden. Aber ich mache mir dann recht bald Notizen, um sie nicht wieder "sausen" zu lassen.

Haben Sie manchmal Angst, dass Ihnen die Ideen ausgehen könnten?
Das eigentlich nicht - eher, dass ich nicht die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt habe. Der Buchmarkt hat ja auch seine eigenen Gesetze. Grundsätzlich sind aber nicht die Ideen das Problem; schwierig ist es eher, eine Geschichte zu finden, die zur jeweiligen Idee passt.

Wie lange brauchen Sie für das Schreiben eines Romans?
Die Anfangsidee kommt meistens sehr plötzlich; was folgt, ist viel Arbeit, schon für das Nachdenken, Konstruieren und Zusammenbasteln. Für "Erebos" habe ich etwa eineinhalb Jahre gebraucht: Zu überlegen, wie ich die Geschichte aufbaue, dauerte etwa neun Monate, und die reine Schreibzeit betrug dann noch einmal neun Monate. Bei "Saeculum" war das kürzer. Damals habe ich aber auch nicht mehr so viel journalistisch gearbeitet und hatte deswegen mehr Zeit.

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Der wird nicht zuletzt von den Deadlines bestimmt. Das Schreiben ist dann wie bei vielen anderen Berufen: Man muss sich hinsetzen und es machen. Ich habe bloß keinen Chef, der mir unmittelbar im Genick sitzt. Das Problem ist eher die Ablenkung: Wenn ich beim Schreiben zwischen zwei Sätzen "hänge", passiert es mir schon gelegentlich, dass ich dann eine halbe Stunde bei Facebook verbringe. Ich schreibe aber fast jeden Tag, und pro Tag versuche ich auf 1000 bis 1300 Wörter zu kommen - zumindest strebe ich das an. Am liebsten hätte ich das immer schon am Vormittag erledigt; das klappt aber fast nie. Es gibt eben auch viele andere Sachen wie E-Mails beantworten, Interviews und so weiter, die einen davon abhalten.

Wo schreiben Sie?
Bis vor etwa einem halben Jahr, als ich in einer relativ kleinen Wohnung gewohnt habe, habe ich immer am Küchentisch geschrieben. Jetzt habe ich aber ein Arbeitszimmer, in dem ich schreibe. Da gibt es auch eine gemütliche Relax-Liege, in der ich mit meinem Notebook liege und arbeite.

Erinnern Sie sich beim Wiederlesen Ihrer Texte an ungewöhnliche Umstände beim Schreiben?
Ja, das kommt vor, etwa wenn ich die betreffende Passage nicht an meinem üblichen Platz geschrieben habe, sondern zum Beispiel im Zug, am Flughafen oder im Urlaub.

Wenn Sie ein Kapitel fertiggeschrieben haben, geben Sie es dann schon einmal jemandem zum Lesen, bevor Sie es Ihrem Lektor zukommen lassen?
Ja. Ich habe eine ganz geniale Leserin, mit der ich so etwas wie ein Gegen-Lese-Verhältnis habe: Sie schickt mir ihre Texte, und ich schicke ihr meine. Wenn ihr etwas nicht gefällt, sagt sie das mir ganz ehrlich. Mit ihr habe ich großes Glück, weil sie mit ihren kritischen Anmerkungen eigentlich immer Recht hat. Damit ist vieles von dem schon ausgeräumt, was dann später das Lektorat erledigen müsste. Auch wenn ich beim Schreiben "feststecke" und ich merke, dass etwas nicht funktioniert, hilft es sehr, mich mit ihr über Skype auszutauschen. Ohne sie wäre ich viel langsamer, und die Bücher wären nicht so gut.

Kennen Sie so etwas wie Schreibblockaden, oder geht Ihnen die Arbeit immer ganz flüssig von der Hand?
Nein, nicht immer. Je genauer ich weiß, was zu schreiben ist und wie eine Szene anzulegen ist, desto flüssiger geht es. Wenn ich blockiert bin, liegt es meist daran, dass ich etwas Wichtiges selbst noch nicht genau weiß oder einen Fehler gefunden habe, von dem ich weiß, dass er mich später blockieren wird. Wenn ich das dann aber behoben habe, geht es auch wieder weiter.

Denken Sie sich manchmal, dass Sie etwas lieber anders hätten schreiben sollen?
Manchmal, ja. Dann geht es aber nicht um die Handlung, sondern ich denke mir, ich hätte etwas vielleicht kürzer oder weniger umständlich formulieren können. Wenn man das aber immer machen würde, würde ein Buch nie fertig werden. Darum muss man sich irgendwann einmal sagen: Jetzt geht es nicht mehr besser, jetzt ist es fertig.

Können Sie ein Buch denn " loslassen" , wenn Sie fertig sind?
Wenn ich mit dem Schreiben fertig bin, bin ich erst einmal sehr froh - zumal ich meistens spät dran bin. Aber es ist dann nicht gleich "weg", weil es zunächst ins Lektorat geht, und dann wird es noch mehrmals überarbeitet. Das passiert vor dem Druck. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass das ziemlich lange dauert: Meine Lektorin schickt mir zunächst das Manuskript mit Anmerkungen am Rand zurück. Diese werden dann eingearbeitet, und die neue Fassung kommt wieder zu ihr zurück. So geht das dann ein paarmal hin und her, bis irgendwann alle sagen: So, jetzt passt's. Danach folgt das Korrekturlesen, damit noch Tippfehler etc. beseitigt werden, und erst im Anschluss daran wird das Buch wirklich gedruckt. Wenn das alles schließlich tatsächlich beendet ist, habe ich meinen Fokus aber schon auf das nächste Buch gerichtet. Doch auch dann findet der große Abschiedsschmerz nicht statt, weil ich mit dem fertigen Buch ja auch auf Lesungen gehe. Es ist aber manchmal bei den Figuren schade, dass man nicht mit ihnen weiterarbeiten kann - etwa bei "Erebos". Darum freut es mich, dass ich die Figuren der Trilogie, die ich gerade schreibe, über die einzelnen Bände hinweg mitnehmen kann.

Was würden Sie tun, wenn ein Verlag ein Buch von Ihnen nicht annehmen würde?
Dann würde ich das nächste schreiben. Aber das kommt bei mir eigentlich nicht mehr vor, weil ich einen festen Verlag habe und mit diesem vorher schon bespreche, was ich als Nächstes machen möchte und welche Ideen ich habe. Ich schreibe also nicht mehr ein ganzes Buch gewissermaßen "ins Blaue hinein", also in der Hoffnung, dass es vielleicht verlegt wird. Früher aber, als ich noch Kinderbücher geschrieben habe, ist es schon vorgekommen, dass ein Buch nicht verlegt wurde. Das war aber nicht so schlimm, weil die Bücher nicht so lang waren.

Haben Sie ein Lieblingsbuch und einen Lieblingsautor?
Diese Frage ist ziemlich schwer zu beantworten, weil ich so viele davon habe. Ich weiß aber noch, was ich am liebsten mochte, als ich zwischen zwölf und siebzehn Jahren alt war: Das war Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien, und das mag ich noch immer sehr gerne.

Haben Sie einen Autor, der für Sie so etwas wie ein Vorbild ist?
Nicht in dem Sinne, dass ich gerne so schreiben wollte. Es gibt einige Leute, die ganz fantastisch schreiben und von denen ich weiß, dass ich nie so werde schreiben können. Ich bewundere sie zwar, würde sie aber trotzdem nicht als "Vorbilder" bezeichnen, weil ich nicht versuche, sie nachzuahmen. Im Bereich der Jugendliteratur finde ich J.K. Rowling ganz toll, schon aufgrund der Tatsache, dass sie es geschafft hat, die Harry-Potter-Geschichte über sieben Bände hinweg zu erzählen, jedem der Bände einen eigenen Bogen zu geben und nie die Spannung zu verlieren. Ich fand es auch sehr ermutigend, dass sich hier gezeigt hat, dass man auch sehr komplexe Geschichten für Jugendliche schreiben kann und diese dann nicht überfordert sind, sondern es - ganz im Gegenteil - klasse finden.

Ihr Familienname lässt vermuten, dass Sie polnische Wurzeln haben. Stimmt das?
Das stimmt, ja. Das liegt allerdings so weit zurück, dass ich leider kein Wort Polnisch sprechen kann. Meine Familie lebt seit vielen Generationen in Wien.

Wollten Sie schon als Kind Schriftstellerin werden?
Ich hatte es als Kind tatsächlich vor, Bücher zu schreiben, habe diese Idee dann aber zunächst wieder verworfen. Allerdings habe ich immer gerne geschrieben, etwa Kurzgeschichten und Gedichte. An die langen Bücher habe ich mich zunächst nicht herangewagt, weil ich dachte, ich hätte nicht die Ausdauer dafür. Mit zunehmender Reife hat sich aber herausgestellt, dass es eben doch klappt.

Welche Fächer mochten Sie in Ihrer Schulzeit am liebsten, welche gar nicht?
Es wird euch nicht überraschen, dass ich Deutsch sehr gerne mochte. Aber auch Englisch und Geschichte gehörten zu meinen Lieblingsfächern. Später, in der Oberstufe, kamen dann noch Philosophie und Psychologie dazu. Mathe und Latein mochte ich hingegen überhaupt nicht; und in diesen Fächern war ich auch ziemlich schlecht.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Japanologie zu studieren?
Meine Mutter hatte mir gesagt: "Du lernst doch leicht Sprachen; lern doch eine, die sonst keiner kann. Das wird dir helfen, wenn du später einmal in die Wirtschaft gehen willst." Ich fand auch, dass Japanisch eine Sprache ist, die interessant klingt. Sehr lange habe ich das aber nicht betrieben, weil es doch sehr mühsam war. In Japan war ich einmal sechs Wochen während eines Sommers. Dieser Aufenthalt hat mich zu dem Schluss gebracht, dass das vielleicht doch nicht das Wahre für mich ist. Längere Zeit in Japan zu leben, hätte ich mir nämlich nicht vorstellen können.

Lesen Sie alle Ihre Fanpost?
Ja. Diese kommt meistens per Mail, und ich versuche auch, immer darauf zu antworten - auch wenn das manchmal ein wenig dauern kann. Das gilt auch für meine Autorenseite bei Facebook.

Wie wird man Schriftsteller?
Da gibt es mehrere Möglichkeiten: Man kann etwas schreiben und das dann an Verlage schicken. Diese Verlage bekommen aber unglaublich viele Texte zugeschickt, und deswegen ist es ziemlich schwer, herausgesucht zu werden: Kaum jemand hat Zeit, die stapelweise eingeschickten unverlangten Manuskripte gründlich durchzusehen. Deswegen ist die Chance, dass auf diese Weise ein Buch veröffentlicht wird, recht gering. Ich selbst hatte Glück: Mein erstes Buch habe ich fünfmal ausgedruckt und an fünf Verlage geschickt, von denen es dann einer haben wollte. Diese Chance ist übrigens bei kleineren Verlagen größer.
Eine andere und immer häufiger praktizierte Möglichkeit besteht darin, sich einen Literaturagenten zu suchen, der sich das, was man geschrieben hat, schon einmal ansieht und einem Tipps gibt, wie man vielleicht noch daran arbeiten soll. Wenn es ihm dann gefällt, geht er mit dem Manuskript zu diversen Verlagen, und so sind die Chancen deutlich besser: Die Verlage können mit den Agenten auf einer anderen Basis sprechen. Ich selbst bin mit einem Roman, an dem ich fünf Jahre geschrieben hatte, zu einem sehr guten Agenten gegangen, der mir dann aber gesagt hat, dass derzeit niemand so etwas - nämlich eine klassische Fantasy-Geschichte - suchte. Das war natürlich schon ein herber Tiefschlag, weil ich in diesen Roman viel Arbeit und Zeit investiert hatte. Als mich dieser Agent fragte, ob ich denn noch eine andere Idee im Hinterkopf hätte, habe ich ihm die Geschichte mit dem Computerspiel vorgestellt, die ihm gefiel und aus der dann "Erebos" wurde. Den besagten Fantasy-Roman habe ich zwar natürlich noch, aber es wäre jetzt sehr aufwendig, ihn veröffentlichen lassen zu wollen, weil ich ihn stark überarbeiten müsste und er als der erste Teil eines Mehrteilers geplant war. Vielleicht mache ich das irgendwann noch, aber derzeit habe ich zu viele andere Projekte.
Zurück zur Frage: Von der dritten Möglichkeit, und zwar Verlagen, die Autoren suchen, rate ich gänzlich ab. Sie verlangen nämlich für die Veröffentlichung eines Buches Geld, und das ist der ganz falsche Weg. Es sollte immer so sein, dass der Verlag den Autor bezahlt, und nicht umgekehrt.

Die Fragen wurden gestellt von Oliver B., Leon B., Kutay C., Franziska G., Alessandro M., Valentin P. und Robert Sch. (jetzt alle 8b).
Transkription: Martin Baumgartner



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